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Nachgedacht

Erleben wir gerade das Ende der Globalisierung?
Wenig hat die Wirtschaft und die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten so geprägt wie die fortschreitende Globalisierung. Durch die Coronakrise wird dieses Modell zunehmend infrage gestellt. Führt die Pandemie zu einer Rücknahme der Globalisierung? Ein Pro und Contra.

Es war irgendwann im Februar oder im März, als man hierzulande plötzlich feststellte, dass es hinsichtlich der Schutzausrüstung, die Ärzt*innen und Pfleger*innen dringend für die Behandlung von Covid-19-Erkrankten benötigen, ein Problem gab: Es gab einfach zu wenig davon. Und, noch dramatischer, es ließ sich auch nicht nachrüsten. Denn Schutzausrüstung wie Masken oder Kittel kam bislang fast ausschließlich aus China, und China war gewissermaßen leergekauft.

Da war man in Deutschland also auf einmal mit einer Schwachstelle globaler Lieferketten konfrontiert: Die Produktion von Schutzausrüstung hatte man schon vor langer Zeit ausgelagert, weil das preiswerter war; mit der unangenehmen Konsequenz allerdings, dass sich in einer Zeit des erhöhten Bedarfs hierzulande die Produktion nicht entsprechend hochfahren ließ, weil es hierzulande eben keine Produktion gab. Die praktisch schon beschlossene Folge dieser ungünstigen Situation wird sein, dass die Produktion mancher essenzieller Güter künftig aus China nach Deutschland zurückgeholt werden wird.

Statt in Übersee wird nun also wieder daheim produziert – ist das schon ein Zeichen für das baldige Ende oder zumindest für ein Zurückdrehen der Globalisierung? Geht man davon aus, dass Globalisierung zu Wohlstand und Wachstum führt – gerade im exportabhängigen Deutschland –, wäre das schließlich eine Entwicklung, die sich auch drastisch auf die Immobilienmärkte niederschlagen könnte.

⇑ Pro: Die Globalisierung ist schon längst auf dem Rückzug
Es gibt für einen Rückgang der Globalisierung durchaus Anzeichen, auch über die Produktion medizinischer Schutzausrüstung hinaus. Schon vor der Coronakrise war das zu sehen: Anhand der Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump etwa, der China und andere Länder mit Strafzöllen überzogen und auch Deutschland immer wieder gedroht hat, indem er sich darüber beschwerte, dass auf den amerikanischen Straßen so wenige amerikanische Autos führen.

Diese Art des wirtschaftlichen und politischen Nationalismus feierte in den vergangenen Jahren ein wirkungsvolles Comeback, symbolisiert natürlich auch insbesondere durch den Brexit. Freier Personen- und Warenverkehr, wichtige Pfeiler der Globalisierung, galten immer weniger beziehungsweise wurden zunehmend als schädlich erachtet.
Und dann kam auch noch Corona hinzu.

Eine der ersten Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, war das Schließen der Grenzen. Man igelte sich ein, und auch die staatenübergreifende Zusammenarbeit lief, wenn überhaupt, sehr träge an. Man verfuhr nach dem Prinzip: Erst einmal sorgt jeder für sich selbst.

Nicht nur die Politik handelt dementsprechend, sondern auch die Wirtschaft. Weil Lieferketten aufgrund der Grenz- und Fabrikschließungen während der Pandemie weltweit ausgefallen sind, musste die Wirtschaft umdenken, und das tut sie noch. Ernst & Young hat kürzlich eine Umfrage unter Unternehmen weltweit durchgeführt, der zufolge die Hälfte der befragten Unternehmen vorhaben, ihre Lieferketten zu verändern. 40 Prozent stellen sogar ihre globalen Handelsbeziehungen infrage.

Das ist ein Trend, den auch Ökonomen bereits erkennen. In der taz sagte der Leiter des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, Gabriel Felbermayr, dass die Strukturen regionaler würden: „Als eine Folge der Coronakrise werden deutlich mehr Produktionsstätten direkt in Abnehmerländern entstehen.“

Und selbst der französische Präsident geht davon aus, dass die Welt nach Corona eine andere, weniger globalisierte sein wird. Die Coronakrise verändere „die Natur der Globalisierung, mit der wir in den vergangenen 40 Jahren gelebt haben“, sagte Emmanuel Macron Mitte April in der Financial Times. In den letzten Jahren habe die Globalisierung zu wachsenden Ungleichheiten geführt, betonte er. „Und es war klar, dass diese Form der Globalisierung das Ende ihres Zyklus erreichen würde.“

Wenn er Recht hat, könnte das gerade für die deutsche Wirtschaft ein Problem sein. Denn, wie es Marc Saxer von der Friedrich-Ebert-Stiftung ausdrückt: „In einer deglobalisierten Welt kann es keine Exportweltmeister mehr geben.“

⇓ Contra: Globalisierung führt zu Wohlstand und kann nicht zurückgenommen werden
Als Argument gegen eine fortschreitende Globalisierung ist insbesondere der ökonomische Faktor wichtig. Wenn Macron sagt, dass die Globalisierung zuletzt zu einer fortschreitenden Ungleichheit geführt habe, mag das möglicherweise zwar stimmen. Doch unabhängig davon ist es relativ unstrittig, dass die Globalisierung zu einem steigenden Gesamtwohlstand führt. Und wenn wir davon ausgehen, dass die Coronakrise zu einer weltweiten Rezession führen wird, können wir es uns kaum leisten, die Wirtschaft noch zusätzlich zu verlangsamen, indem wir positiv wirkende Faktoren wie die Globalisierung zurückdrehen.

Oder, wie es Michael Zürn, Direktor der Abteilung Global Governance am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, ausdrückt: „Wenn die Normalität zurückkehrt, dann werden überall die öffentlichen und privaten Schuldenberge angewachsen sein. […] Das ist kein Umfeld, in dem die Wahrscheinlichkeit der Globalisierung abnimmt.“

Dass die Produktion von Schutzausrüstung und Medikamenten durch die Coronakrise nun nationalisiert wird, sind ihm zufolge „Sondertatbestände, die nicht zur Verallgemeinerung taugen“. Zürn geht daher davon aus, dass der Grad der ökonomischen Globalisierung nach der Krise auf das – bereits sehr hohe – Niveau vor der Krise zurückkehren werde.

Vom wirtschaftlichen Faktor abgesehen hat die Globalisierung auch noch andere Vorteile, sagt der Volkswirt Karl-Heinz Paqué. So sei auch die Bekämpfung einer Pandemie wie nun im Falle von Corona durch die Globalisierung wesentlich effektiver. Im Mittelalter, als die Welt noch wesentlich weniger vernetzt war, hätten Epidemien zu Millionen Toten geführt. Dass so etwas heutzutage nicht mehr passiert, sei „nicht die Folge nationalstaatlicher Lösungen. Im Gegenteil: Es ist der Erfolg einer globalen Zusammenarbeit in Unternehmen, Universitäten und supranationalen Organisationen wie der WHO.“

Fazit

Eine völlige Abkehr von der Globalisierung ist tatsächlich nicht vorstellbar. Zu vernetzt ist die Welt in allen erdenklichen Bereichen. Aber die Corona-Pandemie hat zu manchen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen geführt, die man vor einem Jahr noch nicht für möglich gehalten hätte. Dass die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich geschlossen wird? 2019 noch unvorstellbar. Davon ausgehend, ist kaum vorherzusagen, wie die Welt in den nächsten Jahren aussehen wird.



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